Angebot

 

„Unsterblichkeit ist dein Geburtsrecht. Ebenso der Zugang zu einer Machtfülle, die den anderen magischen Wesen deiner Welt niemals zugänglich sein wird. Doch der Preis bei der unwiderruflichen Annahme deines Erbes ist hoch, sehr hoch. Also überlege gut, bevor du dich endscheidest.“

„Nenn mir den Preis!“

„Du wirst alles verlieren, was dir lieb und wichtig ist: Deine Eltern, deine Geschwister, Freundschaften, deine Heimat, deine Jugend und deine Schönheit. Du wirst deine Macht niemals direkt für dich selbst einsetzen können, keine Erleichterungen bei Befindlichkeitsstörungen, kein Reichtum durch Zauberei. Du wirst eigenständig lernen müssen deine Macht zu erwecken und wie du sie handhaben kannst. Es gibt kein Buch mit Anweisungen. Du wirst auf dich allein gestellt sein. Mach was draus oder darbe auf ewig. Nun endscheide dich!“   

„Na prima“, dachte sie. „Was ein Scheißdeal. Obwohl, Unsterblichkeit und Macht ohne Ende sind schon sehr reizvoll. Familie? Dreizehn Geschwister, eine kränkelnde Mutter und einen Schuster als einziger Verdiener. Hunger und Not waren täglich Gäste im Haus. Freunde? Nicht wirkliche. Heimat? Welche Heimat? Jugend und Schönheit? Davon wird man nicht satt, außer man verkauft sich mit Leib und Seele an die fetten Kerle aus der Oberstadt. Also, was soll es. Schlimmer als jetzt kann es nicht werden.“

„Und?“

„Sag mir erst, wenn es doch ein Erbe ist, haben meine Eltern es abgelehnt?“

„Erbe mütterlicherseits. Deine Mutter lehnte ab, wegen der Liebe zu deinem Vater. Deine anderen Ahninnen verweigerten das Erbe aus den unterschiedlichsten Gründen. Nun bist du an der Reihe und es gibt nur diesen einen Moment für deine Entscheidung. Also, was nun!“

Sie spürte die wachsende Ungeduld ihres Gegenübers, hörte das hungernde Rumpeln ihres leeren Bauches und wie der eiskalte Wind durch die löchrige Jacke auf ihrer Haut den rauen Ton der Kälte pfiff. Sie schloss ihre Augen und sagte dann mit fester Stimme: „Ich nehme das Erbe an.“

Die Welt versank in einem grellen Feuerstrahl.

Nächtliches


Mitten in der Nacht wachte sie mit rasendem Herzklopfen auf. Es war still. Viel zu still.

„Hallo? Hallo?“

Ein tiefes Knurren drang unter ihrem Bett hervor, gefolgt von einem mit grusligen Rülpsern untermalten, eiskalten Stöhnen. 

„Ich bin doch da!“.

Beruhigt über die schrecklich schön vertraute Anwesenheit des grauenvollen Monsters schlief sie wieder ein.

Frage


Sie war, nach gängiger Meinung,
nicht besonders schön in ihrer Kantigkeit.

Er war, glaubte man seinem sozialen Umfeld,
nicht auffallend schlau oder begabt.

Sie verliebten sich in jungen Jahren und lernten
sich zu lieben in den folgenden Jahrzehnten.

In seinen Augen war sie das schönste Wesen auf Erden.
Sie schätzte besonders seine unaufgeregte Intelligenz.

Auf die Frage, wie man es so lange miteinander aushalten könne,
schauten sie sich und den Fragesteller nur verwirrt verwundert an.

Sie verstanden die Frage nicht.

Altern


„Jedes Alter hat seine eigene Schönheit!“

Herz umhastet mit stolperndem Schluckauf
die keuchend knarzenden Knochen.
Knie quietscht empört wackelnd die
krampfhaft bibbernden Muskeln an.
Blase verweigert jedwedes Gespräch
mit den eingeschnappten Nieren.
Füße schieben sich mit quellendem
Frohlocken in die aufgepumpten Waden.
Fußnägel krallen sich Halt suchend in
paarungswillig anbiederndes Fleisch.
Haare spielen verschämt grinsend
Haschmichdoch in Kämmen und Bürsten.
Brüste grüßen den kugeligen Bauch
im sanften Vorüberschaukeln.
Arschbacken flirten aufdringlich albern
mit den unwillig ziependen Kniekehlen.
Steife Hände tasten zitternd nach
den verschwommenen Augenblicken.
Haut faltet sich zielorientiert beharrlich
um innovativ braun gesprenkeltes Gelände.
Der Geist schlägt sich entsetzt
vor die gerunzelt weise Stirn.

Die Schönheit des Alterns
erschließt sich mir nur langsam.

Unerwartet


Du erschienst mir so hässlich
So garstig, so fremd
Dann sprach ich mit dir
Lauschte deinen Träumen
Teilte deinen Schmerz
Wischte unsere Tränen hinweg
Streichelte dein Lachen
Und deine Schönheit schäumte
Mir mitten ins Gemüt

Ach Weib, ach Mann


Ach Weib

Als die Brautwerber bei deinem Vater vorstellig wurden
Saß ich mit Freunden in der Kneipe
Verspielte die Zeit, anstatt sie dir zu schenken
Tat beiläufig was eines Mannes Pflicht in erster Nacht
Deine erfülltest du still in blutlakigem Rot.
Und du bliebst an meiner Seite

Ich wollte dich, so jung und lebensfroh
Ganz unten, Zierde meines Hauses
Wie eine Rose am Kragen meines Jacketts
Wollte dich zeigen und dann verschließen
Aus meinen Gedanken und meinen Plänen
Und du bliebst an meiner Seite

Dein Ausbildungsgeld steckte ich in ein Geschäft,
Viele folgten, kaum etwas blieb davon
Du wolltest lernen und ich machte dir Kinder
Euer Lachen gellte mir fordernd in den Ohren
Ich wurde ein ganzer Mann und ging den Dingen nach
Und du bliebst an meiner Seite

Ich habe gesoffen, gelogen, betrogen
Geschlagen, gehurt und mich
Mitten im Leben zum Affen gemacht
Dein stilles Lächeln begleitete mich
Die Kinder gingen frohgemut
Und du bliebst an meiner Seite

Du nanntest mich stark und roh und eisenhart
Nahmst doch meinen Kopf an deine Schulter
Dein Atem streichelte meinen Zorn hinweg
Du gewährtest mir Obhut und eine offene Tür
Den Tender stets gefüllt, die Taschen sorgfältig gepackt
Und du bliebst an meiner Seite

Jetzt bin ich müd und grau
Ein wenig lahm, doch Manns genug
Mir ins Gesicht zu lachen
Ich muss der Welt nichts mehr beweisen
Nicht mehr verstreuen Schein und Glut
Ach Weib, lass mich an deiner Seite bleiben

Deine Haut, gefaltet vom Leben und von mir
Will ich mit meinen Händen glätten
Jede Furche wie zum ersten Mal durchwandern
Möchte endlich satt mich essen an dir und mir
Ein Leben habe ich gebraucht zu verstehen:
An deiner Seite kann ich einfach sein und bleiben









Ach Mann

Als die Brautwerber bei meinem Vater vorstellig wurden
Saßt du mit Freunden in der Kneipe
Verspieltest die Zeit, anstatt sie mir zu schenken
Tatest beiläufig was eines Mannes Pflicht in erster Nacht
Meine erfüllte ich still in blutlakigem Rot.
Und ich blieb an deiner Seite

Ich wollte dich, so jung und lebensfroh
Grenzenlos nah, in Gemeinsamkeiten wirrend
Wie einem Freund im geheimen Garten
Mich dir zeigen und mit dir teilen
Gedanken, Zukünfte und Schelmereien
Und ich blieb an deiner Seite

Mein Ausbildungsgeld stecktest du in ein Geschäft,
Viele folgten, kaum etwas blieb uns davon
Ich wollte lernen und du machtest mir Kinder
Unser Lachen verstandest du nie als Einladung
Du schlichst dich heimlich fort so manche Nacht
Und ich blieb an deiner Seite

Du hast gesoffen, gelogen, betrogen
Geschlagen, gehurt und dich
Mitten im Leben zum Affen gemacht
Mein stilles Weinen erkanntest du nicht
Die Kinder gingen traurig fort
Und ich blieb an deiner Seite

Ich nannte dich stark und roh und eisenhart
Legte doch den Kopf an deine Schultern
Gewährte uns kurz Obhut in deinem Armen
Verschloss Worte und Traum tief in mir
Ließ dich versorgt gehen ein weiteres Mal
Und ich blieb an deiner Seite

Jetzt bin ich wach, auch grau dazu
Ein wenig lahm, doch Weib genug
Mir ins Gesicht zu lachen
Ich muss der Welt nichts mehr beweisen
Nicht mehr verstreuen Schein und Glut
Ach Mann, ich kann nicht mehr an deiner Seite schweigen

Meine Haut, gefaltet vom Leben und von dir
Will ich allein mit meinen Händen glätten
Jede Furche wie zum ersten Mal durchwandern
Möchte endlich satt mich essen am Leben und an mir
So viele Jahre habe ich gebraucht zu verstehen:
An deiner Seite, Mann, kann ich nicht sein und leise bleiben




Du wirst gehen


Du wirst gehen. Du willst nicht gehen. Willst deine Mutter und die kleinen Geschwister nicht verlassen. Du kannst sie doch in all dem Elend und in all den Gefahren nicht alleine lassen. Du wirst gehen.
Dein Vater und deine zwei Brüder wurden erschossen. Du bist jetzt der älteste Mann in deiner Familie. Du kannst jetzt nicht gehen. Doch du wirst gehen.
Du bist gerade sechzehn Jahre alt geworden. Ein Kind noch, doch alt genug, um von einer der Milizen an die Waffe gezwungen zu werden. Sie kreisen seit Tagen um euer Haus. Deine Mutter hat sie schon mehrmals von der Türschwelle weggejagt. Du darfst das Haus nicht mehr verlassen. Deine Mutter hat Angst. Seit Jahren hat sie Angst, um ihren Mann, die Kinder, um dich. Du willst nicht gehen. Du wirst gehen.
Sie weint, sie schreit, sie fleht, sie bittet. Deine Mutter lag vor dir auf den Knien und bettelte dich an, dich in Sicherheit zu bringen. Sie sagt, dass alles besser ist für sie, wenn sie nur keine Angst mehr haben müsse, dass du totgeschossen wirst oder andere Menschen totschießen musst. Du willst nicht gehen. Du wirst gehen.
Sie weint, sie fleht, sie bittet. Sie hat alles Entbehrliche auf dem Schwarzmarkt verkauft. So hast du vielleicht eine kleine Chance, bis über die Grenzen und auf ein Schiff zu kommen. Diese klitzekleine Chance, die doch so viel größer ist als jene des Hierbleibens. Du willst nicht gehen. Du wirst gehen.
Weil du den Schmerz deiner Mutter nicht mehr aushalten kannst. Weil dein Gehen ihre einzige Hoffnung in ihrem Leben sein wird. Ihre einzige Möglichkeit zum Überleben ist diese Hoffnung. Weil sie ihr Kraft gibt. Sagt sie. Weil das Wissen, dass du leben wirst, ihr Leben am Leben erhalten wird. Du willst nicht gehen. Du wirst gehen.
Es wird dir dein Herz brechen und deine Seele in tausend Stücke zerreißen. Aber ihr Herz wird dadurch noch eine Weile schlagen können. Du wirst gehen.

Nicht wahrgenommen


Er fragte sie, völlig überraschend und so gar nicht seiner Art entsprechend, was sie sich denn wünsche. Ob es irgendwas gäbe, womit er ihr eine Freude machen könne.
„Bitte“, sagte sie, „können wir diesmal meinen Geburtstag feiern! Ich habe ihn, seitdem ich ein Kind war, nicht mehr gefeiert, bitte.“
Er nickte, strahlte sie an und versprach es fest. Die nächsten Tage war sie so aufgeregt. Immer wieder rutschte ihr beim Essen mit der Familie ein „Wie sehr freue ich mich. Wen ladet ihr denn alles ein?“ raus und sie ganz hippelig auf dem Stuhl herum.
Sie kannte ja außer der Familie niemanden in dieser fremden Stadt. Er würde es aber schon organisieren. Sie war so voller Glück, Erwartung und Dankbarkeit erfüllt und zeigte es ihm, indem sie besonders zärtlich, weich und sanft zu ihm war.
Der Morgen ihres Geburtstages. Er war schon vor ihr in der Küche. Kein Wort. Nichts. Dann beim Frühstück: „Wir müssen nachher auf die Passstelle. Dein Pass muss heute beantragt werden.“
Auch von Seiten der Familie kam nichts. Kein Wort, keine Geste. „Oh, vielleicht bereiten sie eine Überraschung vor und wollen mich zappeln lassen bis zum Nachmittag. Bestimmt, so ist es!“, ging ihr durch den Kopf.
Auf der Passstelle eine ewige Warterei. Dann fragte der Beamte etwas und ihr Mann übersetzte: „Dein Geburtsdatum?“. Sie sagte es ihm und fügte leise ein „heute“ hinzu. Er hörte es nicht.
Es geschah nicht viel mehr an diesem Tag. Keine Worte, keine Aufmerksamkeiten, kein Nichts. In der Nacht, als alle schliefen, nahm sie ihr kleines Kind auf den Arm und ging hoch aufs Dach. Eine Kerze dabei. Im warmen Schein des Lichts schaute sie über die flachen Dächer dieser Stadt, die ihr so fremd und abweisend erschien.
Erst leise summend und dann lauter werdend sang sie die Lieder, die sie an zu Hause erinnerten. Nach einer Weile fiel, wie schon so oft in den Nächten vorher, zart eine Gitarre von einem der gegenüberliegenden Dächer ein, ummalte ihren Gesang, passte sich an. Sie wusste nicht, wer dort spielte, ob Mann oder Frau. Ihre Stimme erhob sich, wurde tragender und nach einer langen Weile ließ sie sie sachte ausklingen. Sie erlaubte sich leise zu weinen.

Zwiegespräch mit der Liebsten


Du machst mir manchmal Angst!
Warum das denn, Liebes?
Weil du stark bist, weil du nimmst und nicht nur gibst.
Weil du egoistisch bist, weil du für dich sorgst.
Weil du kämpfst, aus einen einzigen Grunde: Für dich und deine Brut.
Weil du spielst mit einem einzigen Ziel: Du willst gewinnen.
Weil du klug bist und immer alles durchdenkst.
Weil dein Mitleid sich in Grenzen hält, wenn es um dein Überleben geht.
Weil der Tod dich nicht schreckt.
Weil du liebst.
Weil deine Sinnlichkeit keine Scham und keine Grenzen kennt.
Weil du alles gibst und alles willst.
Weil du schön bist in einer Art, die mir den Atem nimmt.
Wow, Kleines! Noch einmal und dann nie wieder:

Ja, ich bin stark, weil ich weiß, dass alles im Leben seinen Preis hat und es immer einen Ausgleich geben wird. Für alles. Darum kann ich sowohl geben als auch, in passenden Momenten, nehmen. 
Ja, ich bin egoistisch. Und ich sorge für mich. Wer Liebes, sollte es denn sonst tun? Ich und nur ich bin für all mein Tun und Denken und all mein Nicht-Tun und Nicht-Denken verantwortlich. Immer und überall. Da sind kein Gott und keine anderen Wesen, die mir diese Freiheit abnehmen könnten. Diese Eigenverantwortlichkeit ist mir zugehörig, sie macht mich zu dem, was ich bin. Ich kann sie vergessen, beiseite schieben wollen – sie ist trotzdem da. 
Ja, ich kämpfe. Für mich, meine Brut, und für mein Rudel. Letzteres übersiehst du gerne, Liebes. Wer zu mir gehört, dessen Wohlbefinden ist mir wie mein eigenes. Genauer: Mein Wohlbefinden ist unauflöslich mit dem Wohlbefinden aller mit mir Verbundenen verknotet. Ich bin ein Harmoniejunkie. Wird dieses Wohlbefinden bedroht, dann, ja dann kann ich auch beißen. Nicht sofort, nicht als das Mittel der ersten Wahl. Aber, wenn es denn sein muss, wenn ein bestimmtes nicht mehr erträgliches Maß überschritten wird durch ein winziges kleines Tröpfchen, dann, ja, sicher. Keine Frage, dann kann es hart und heftig werden. 
Ja, natürlich spiel ich Spiele um zu gewinnen? Warum sollte ich sie denn sonst spielen? 
Ja, ich bin klug. Natürlich hege und pflege ich meine Klugheit und lasse sie beständig wachsen. Dies sichert zum einen mein Überleben und zum anderen ist es das einzige Gut, dass mir niemand nehmen kann. Und es würde meine Intelligenz beleidigen, wenn ich Dinge nicht durchdenken würde. Auch wenn mir die Abgründe und die sich daraus ergebenden Konsequenzen dann manchmal nicht gefallen. Aber, ich irre mich auch, verheddere mich, übersehe Dinge, widerspreche mir, … und, und, und ich bin klug genug mir das liebevoll zuzugestehen. 
Ja, manchmal bin ich ohne Mitleid. Aber, dies sagt nichts über meine Fähigkeit Mitgefühl zu haben aus. Ich fühle immer mit und trage den Schmerz des anderen in mir. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich Schmerz auch gebe und verteile, wenn es notwendig ist. Viel wichtiger jedoch erscheint mir, dass ich vergeben kann. Den anderen und mir. 
Ja, der Tod macht mir keine Angst. Er gehört für mich zum Leben. Das eine gibt es ohne den anderen nicht. Ich habe ihn in so vielen Variationen gesehen, gerochen und geschmeckt. Er ist mir ein Vertrauter und er ist nicht mein Feind. Er, und nur er, schenkt mir dieses Gefühl: Das Leben ist wunderschön! Hier und Jetzt. 
Ja, ich liebe. Auf meine Art. Und ich schere mich dabei nicht um Alter, Geschlecht, Herkunft, äußere Attribute und sonstigen Mist. Ich liebe. Sehe mich an und umfasse mich und kann mich aushalten und lieben, so wie ich gerade bin. Und aus dieser Liebe zu mir wächst und wächst und wächst die Liebe für andere. Eine Fass ohne Boden, ja. 
Ja, meine Sinnlichkeit ist ein unendliches Meer von Möglichkeiten. Da ist vieles schon gelebt und da liegt noch so vieles ungekostet brach. Scham? Für wen? Aus welchem Grunde? Ich schaue mich an und ich liebe mich. Solange dieses Wohlwollen mir gegenüber durch meine Sinnlichkeit nicht tangiert wird, gibt es keinen Grund für Scham. 
Ja, ich gebe mich hin. Bedingungslos. Und ja, ich nehme jemanden in mein Rudel und mich hinein. Bedingungslos. Dann, und nur dann, wenn jemand Teil meines Lebens ist, gebe und will ich alles. Alles andere wäre doch nur Makulatur, oder? Reine Energieverschwendung. 
Ja, ich bin schön. In den Momenten, in denen ich in Balance bin, bin ich schön. Ja, auch Schönheit kann beängstigend sein.
Aber, Kleines, viel wichtiger, wichtiger als alles andere, was du in deinem Kopf dir in den letzten Jahren zusammengebraut hast – und jetzt höre gut zu, denn ich sage es nur noch dieses eine Mal und dann kapiere es endlich oder gehe kaputt daran – ist Folgendes: 
Du bist du! Und du solltest dich endlich leben und zu dir stehen. Punkt.


Schneebälle


In der Straßenbahn unterwegs nach Irgendwohin. Die Gedanken schweifen, bleiben flüchtig berührend an den rotnäsigen Gesichtern mir gegenüber hängen. Die Luft ist mit warmer Feuchtigkeit gesättigt, die dicken Mäntel dampfen. Draußen ist alles weiß, zum ersten Mal in diesem Winter liegt eine dicke Schneeschicht über der Stadt.

Meine Aufmerksamkeit ist wattig. An der Haltestelle wuseln kleine Jungs aufgeregt mit den Händen in den Schneehügeln auf den Autos. Ranzen und Rucksäcke auf einem Haufen abseits gestapelt. Handschuhgeschützte Hände bilden kleine, dicke Bälle. Halten inne, die Jungs rennen nach vorne, den Fahrer der Bahn mit den Augen bindend:

„Herr Fahrer, lieber Herr Fahrer, dürfen wir bitte Ihre Bahn mit Schnee bewerfen? Ja? ja? ja?!!!!“

Rennen zurück und „Plopp, plopp, plopp!“ zerschellen die Bälle an den Fensterscheiben.

Die Bahn biegt um die Ecke, meine Gedanken zurück in das Lachen meiner Kindheit und ich schrecke auf. Was, um Gottes Willen, war denn das eben? Die haben nicht wirklich um Erlaubnis gefragt? Oder doch? Das glaub ich doch nicht?! Wo ist denn da der Spaß, die Freude des Überfalls? Das Kitzeln des Verbotenen und das herrliche Prickeln der schon vorausahnenden schnellen Flucht? Das Lachen, dieses tiefe aus dem Bauch kommende gemeinsame Lachen danach und das kichernde Zittern vor dem Ertapptwerden und den folgenden Konsequenzen?

Ähm, was soll das? Klopfen die nun vorher an und bitten um Erlaubnis, bevor die kleinen Hände von oben nach unten über die Türklingeln sausen? Schellenkloppen mit vorheriger konsensualer Absprache?

Wo sind sie geblieben, diese harmlosen, verbotenen Spiele der Kinder, in denen Grenzen ausgetestet und Konsequenzen für Regelbrüche geschmeckt und schluckend in Kauf genommen wurden, weil es einfach Spaß machte zusammen und es sich so wunderschön abenteuerig anfühlte?

Die Nase schnupfend hoch ziehend sickert leise Traurigkeit durch mein Gemüt.

Pubertät


Kennen Sie das? Man sitzt gemütlich vorm PC, vertieft in irgendein ruhiges Spiel...
Ein Kreischen lässt einem von jetzt auf gleich erstarren und dann in panisches Entsetzen fallen. 
Man springt auf, weil man denkt, der Gasboiler ist explodiert, der Hamster verreckt, die Waschmaschine ausgelaufen. Man stürzt in den Flur und dort steht die Tochter vorm Spiegel und schreit wie am Spieß.
Zumindest ähnelt dieses rot angelaufene, etwas schlaksige Wesen mit den zu langen Armen, die wie wild an irgendwelchen Kleiderfetzen rumzerren dem Bild, was man noch von dem süßen kleinen Dingelchen im Kopf mit sich herum trägt...
Auf die vorsichtige Frage (man ist ja lernfähig und bleibt lieber etwas  indirekt *grins) was denn los sei, bekommt man halb schluchzend, halb röchelnd mitgeteilt (kennen Sie den sterbenden Schwan?...  ja, so in etwa!), dass die Welt am untergehen sei, weil es nichts, aber auch gar nichts zum Anziehen gäbe für den heutigen Geburtstagsbesuch bei der besten Freundin...
ähm... 
Die leise geäußerte Vermutung, dass sie vielleicht nicht richtig in ihren Schrank geguckt hätte, führt dazu, dass der Ton ihrer Stimme um einige Grad tiefer und kälter wird: 
"Man, da ist doch nur Schrott drin. Wer soll das denn anziehen. Da gibt es nix drin, gar nix, was mir passt. alle haben so tolle Kleider, nur ich, ich hab nichts… !"
ähm...

"Waren wir nicht erst vor einigen Tagen einkaufen... T-Shirt und Hose und Rock?"
"Och, das ist doch uralt, außerdem hat die Kati gesagt, die Marianne meinte, und Amelie und Jule auch, aber die ham eh keine Ahnung, dass so was doch keiner mehr trägt. Ich will mich doch nicht blamieren! Und außerdem ist der Max doch auch da."
"Warum hast du es dir denn dann ausgesucht?"
"Weil ich dachte, dass es ... "... ... ...Blick zur Decke, dann werden die Augen zu gekniffen:

"Warum mischst du dich da überhaupt ein? Immer musst du mit mir rumbrüllen. Du hast doch keine Ahnung. So wie du rumläufst. Völlig uncool. Und Schuhe brauch ich auch neue!"
ähm...

"Du hast noch welche im Schuhschrank"
"Und wozu soll ich die bitte anziehen? Die passen doch gar nicht zu meinen Klamotten"
"Naja, da du eh keine coolen hast, ist es doch egal zu was du die Schuhe anziehst. Hauptsache du hast was an den Füssen"
Große Augen... überlegen...
"Du bist so gemein. Alle bekommen neue Kleider. Nur ich nicht. Du liebst meinen Bruder eh mehr als mich. Der darf Fernseh gucken abends und ich nicht. Alle dürfen bis 22 Uhr raus, nur ich nicht. So war das schon immer! Niemand hat mich lieb!"
ähm...

"Was hat das jetzt mit den Schuhen zu tun?"
"Du verstehst mich nicht. Keiner versteht mich. Alle hacken nur auf mir rum. Ich hasse euch alle, alle. Und wenn wir nicht hier unten wohnen würden, dann, ja dann würde ich mich aus dem Fenster stürzen und dann würdest du schon sehen, was du davon hast!."
Tür knallt zu.
Man ist den Tränen nahe... greift zum Telefon und ruft die beste Freundin an. Berät sich mit ihr... ist man zu streng? Zu unnachgiebig. Nicht tolerant genug?... Wälzt das Problem hin und her... überlegt sich eine tolle, pädagogisch einwandfreie Strategie für ein klärendes Gespräch.
Die Tür geht auf... das Wesen, das wie die Tochter aussieht, kommt rein gehuscht, kuschelt sich auf den Schoss, küsst und knuddelt: 
"Mamilein, kommst du bitte mit in den Keller?... bitte... ich möchte was hoch holen. Bitte, liebstes Mamilein... komm mit... es ist zu gruselig da unten... bitte, bitte"
Man klappt den Mund zu.... Nimmt sich zum hundertsten Mal vor, sich keinen Kopp mehr zu machen über fehl gelaufene Erziehungsstrategien und bei nächster Kreischerei den Kopfhörer aufzusetzen und volle Kanne auf zu drehen.
Ein kluger Mann sagte mir mal: Das einzig, was einen in dieser Zeit der Pubertät retten wird, ist das Wissen, dass es vorbei geht!!
Och, und was mach ich in der Zwischenzeit?????


Aufräumerei


„Anna! Kannst du bitte mal herkommen?!“
Mist, immer wenn ihre Mutter so ruft, dann ist sie stinksauer. Anna überlegt, ob sie einfach so tun könnte, als habe sie nichts gehört. Aber ihr ist schon klar, lange geht dieses Versteckspiel nicht. Der Ton ihrer Mutter hat schon eine bedenkliche Höhe erreicht. Was hat sie angestellt? Anna geht im Kopf schnell die letzten Stunden durch: Sie ist nach dem Schülerladen alleine nach Hause gekommen. Dann hat sie schnell in der Küche etwas gegessen, dann die Hände gewaschen, die Kleider gewechselt und jetzt spielt sie gerade so toll mit ihren Puppen. Also, eigentlich alles in Ordnung.
„Anna, wenn du nicht sofort herkommst, werde ich richtig stinkig!“
 „Hey, ich komme ja schon!“
Sie schlendert langsam Richtung Flur.
„Was ist denn jetzt schon wieder los? Kann ich nicht mal in Ruhe spielen?“
„Hör mal zu Madame, kannst du bitte deine Klamotten aus dem Bad räumen und die Schweinerei in der Küche wegmachen. Deine Schuhe und dein Ranzen räumst du bitte auch in dein Zimmer. Ich hasse es, wenn alle Sachen so herum fliegen. Ich wohne schließlich auch hier!“ „Na und, immer muss ich alles aufräumen. Der Anton macht gar nichts.“ Mutter reißt die Augen auf und fasst sich an den Kopf.
 „Was hat das denn jetzt mit deinem Bruder zu tun? Du warst im Bad und du hast in der Küche gegessen und deine Sachen fliegen überall rum.“
Natürlich hat sie recht. Aber jetzt nachgeben, nein, das kann Anna nicht, zumal gerade der Anton aus dem Zimmer kommt und sie frech angrinst.
„Warum musst du immer gleich so herum brüllen? Immer brüllst du. Alle brüllt ihr immer mit mir. Ihr seid so gemein!“
Anton freut sich und Mutter schreit:
„Ich brülle überhaupt nicht!“ 
Dann fängt sie an zu lachen und ruft noch lauter:
 „Ich brülle doch gar nicht!“.
Sie plumpst vor lauter Lachen auf die Erde. Anna geht zu ihr und die Mutter nimmt sie in den Arm und knuddelt sie ganz wild. Anton kommt auch dazu und schon gibt es eine wunderschöne Kabbelei. Nach einer Weile hat die Mutter genug und steht auf.
„So mein Annalinchen, jetzt wird aufgeräumt! Komm, ich helfe dir schnell dabei. Und das nächste Mal räumst du deine Sachen aber gleich weg. Abgemacht?“
Anna nickt zufrieden und strahlt den Anton an.

Glut


Sie steht vor dem Spiegel. Schaut sich an. Zum ersten Mal seit Jahren schaut sie sich wirklich an. Ihr Blick gleitet über die Falten in ihrem Gesicht, über die scharfen Kanten um die Mundwinkel. Streift die hängende Haut an ihrer Kehle, die leicht nach vorne gebeugten Schultern, die müde geneigten Brüste und die aufdringliche Wulst ihrer Bauchschürze. Die noch recht straffen Pobacken und ihre wohlgeformten Schenkel werden von ihren Augen gestreichelt. Sie geht in die Knie und beobachtet das Spiel ihrer Beinmuskeln. Richtet sich auf, hebt die Arme zur Seite und dreht sich hin und her.
„Ach, Weib! Schön bist du!“
Ein Lächeln erstrahlt in ihrem Gesicht und sie streckt sich die Zunge heraus:
„Wo warst du nur die ganzen letzten Jahre? Wie konntest du dir nur so abhanden gekommen sein?“
Sie sinkt vor dem Spiegel auf die Knie, die Arme fest um sich geschlungen. Sie weiß es ja. Erinnert sich. An die unendliche Traurigkeit, an die kalte Einsamkeit nach dem Tod des geliebten Mannes vor Jahren. An die Wochen und Monate, in denen sie sich vergrub in Tränen und Unfassbarkeit. Dann der Zorn und die Wut, die sie doch nicht nach außen tragen konnte und in sich hineinschluckte. Die Jahre, die sie wie paralysiert in geschlossenen Räumen verbrachte, verbunden mit der Wirklichkeit nur noch durch die Scheinwelt des Fernsehens. Gefangen in sich selbst, umgeben von den staubigen Attributen einer längst vergangenen, verloren Zeit. Kreiselnd in Gedanken an Alter und Tod, versinkend in Selbstmitleid und einer schreienden Sehnsucht nach dem Unmöglichen.
Krank war sie damals, an Geist und Körper. Letzteren schändend durch zuviel Essen, so als könnte sie die Leere in sich füllen mit all der Schokolade und all dem ungesunden Fraß. Mauern aus Fett, hinter denen sie sich selbst verlor. Keine Luft zum Atmen. Keuchend in der Nacht, am Tage zu schwach weiter als bis zum Supermarkt zu schleichen. Sich selbst aufgebend, vom Hausarzt schon längst abgeschrieben. Ruhig gestellt mit Antidepressiva und Asthmamedikamenten. Leblos. Sich selbst nicht mehr spürend.
Und dann tauchte „Sie“ auf. Dieses kleine, rundliche Wesen. So viel jünger als sie selbst. Ein Wirbelwind, ein Bündel an Chaos und Energie. Hüpfte in ihr Leben, fiel von Jetzt auf Gleich vom Himmel und stand eines Morgens als stundenweise Hilfe vor ihrer so gut verbarrikadierten Tür. Dieses Lachen, diese Lebensfreude pur. Zuerst war sie nur sprachlos. Fühlte sich überrannt. Wollte sich zurückziehen, abwehren, raus werfen. Wie konnte dieses Wesen es wagen, so in ihr Leben zu platzen? Wie konnte dieses junge Ding sich anmaßen über ihren Schmerz einfach hinwegzuhören? Wie konnte sie sich erdreisten einfach den Fernseher auszumachen, die Vorhänge zu öffnen und die Fenster weit aufzureißen?
 Wie zornig sie damals war. Oh ja, Anna weckte den Zorn in ihr. Ein heißes, brennendes Gefühl. Angeschrieen haben sie sich. Gestritten über Alles und Jenes. Nach einigen Wochen kam Anna jeden Tag. Nix mehr von wegen Arbeit und Betreuung. Anna tauchte zu den unmöglichsten Zeiten auf. Wollte mit ihr frühstücken morgens um sieben. Einkaufen kurz vor Ladenschluss und durch den Park laufen mitten in der Nacht. Ihr Lachen drang durch die Räume und zerfetzte die wohlige, sichere Decke der Trauer und der Einsamkeit. Eine andere Art von Atemlosigkeit breitete sich aus. Es gab keine Möglichkeit sich dagegen zu wehren. Anna ignorierte einfach jedes „Nein!“ indem sie ihre Hand schnappte und sie mit sich zog.
Nach einer Weile schleppte Anna sie ins Yoga. Provozierte sie so lange, bis sie sich auf dieser schmalen Matte wieder fand. Wie ein dickes Walross auf dem Land fühlte sie sich bei den ersten Übungen. Es schien keine Verbindung zu geben zwischen Kopf und Muskeln. Gestörte Leitungen. Ihr Körper tat nichts, aber auch gar nichts von dem, was ihr Kopf ihm befahl. Zum ersten Mal seit Jahren spürte sie, dass da irgendwas nicht stimmte, dass ihr Körper nicht mehr zu ihr gehörte. Weinend lag sie daraufhin stundenlang in den Entspannungsübungen. Tränen, millionenfach ungeweinte Tränen lösten Konten für Knoten, brannten Fettzelle um Fettzelle hinweg. Und mit jedem Schluchzer, mit jedem Seufzer, mit jedem kontrollierten Atemzug, mit jeder geschafften Übung sog sie das Leben in sich ein. Spürte, spürte sich wie nie zuvor. Sinnlichkeit, eine neue, unvermutete Sinnlichkeit breitete sich in ihr aus. Eine Tür öffnete sich und ließ sich nicht mehr schließen.
Drei Jahre ist dies nun her. Anna wohnt mittlerweile in einer anderen Stadt, hat ihr Studium abgeschlossen und arbeitet nun mit Kindern. Sie telefonieren oft miteinander. Oder unterhalten sich über das Internet. Oh ja, auch dies hatte Anna ihr beigebracht. Teufelszeug, unsinniger moderner Quatsch nannte sie selbst es damals. Anna lachte nur und schaffte über Freunde einen alten PC in ihr Wohnzimmer. Bestand hartnäckig darauf, dass sie sich nächtelang damit beschäftigte. Ohne recht zu wissen, wie ihr geschah, war sie plötzlich Besitzerin einer DSL-Leitung und betrat staunend eine neue Welt. Heute erscheint ihr der Umgang mit diesem Medium wie eine Selbstverständlichkeit. So viele neue Menschen hat sie darüber kennen gelernt. So viele Informationen in Wissen für sich verwandelt. Nein, sie möchte diese Art der Kommunikation nicht mehr missen.
Sie erhebt sich. Wischt das Nass aus ihrem Gesicht. Lächelt sich noch einmal zu und schickt in Gedanken eine tiefe Umarmung, einen dicken Kuss zu Anna.
Nun muss sie sich beeilen. Rasch schlüpft sie in die schon auf dem Bett bereit gelegten Kleider. Helle Kleider in sanften Farben. Seidige Strümpfe und hohe, passende Schuhe. Sie trifft sich heute Abend mit Helmut. Helmut, den sie über einen Chat kennen gelernt hat. Der sie seit Wochen mit Worten und zugeschickten Blumen umgarnt. Der ihre Vorlieben für klassische Literatur und modernen Tanz teilt. Der ganz in der Nähe wohnt und heute Abend mit ihr zu einem Konzert einer altbekannten Rockband ausgehen wird.
Ihre Finger zittern ein wenig, als sie leichte Schminke auflegt. Ihr Herz klopft ihr bis zum Hals. Sollte sie nicht doch lieber absagen? Eine Erkältung vortäuschen? Überraschend aufgetauchter Besuch? Allgemeine Unpässlichkeit? Doch kaum gedacht, sieht sie vor sich die hochgezogene Augenbraue von Anna und den zu einer saftigen Bemerkung bereits gespitzten Mund. Kichernd fährt sie noch einmal mit dem Kamm durch ihre Haare, schnappt sich die Handtasche, wirft ihrem Spiegelbild noch einen lächelnden Gruß zu und eilt zur Tür.
„ Oh ja, Anna, das Leben ist wunderschön und hört nicht auf, nur wegen einer dummen Angabe auf der Geburtsurkunde! Es ist nur eine Zahl, mehr nicht!“

Garwall erwacht


Träume von den Wandlungen

Ich stehe am Rande des Abgrundes. Tief unter mir schlängelt sich der Fluss. Er ist wunderschön, mit tiefen, dunklen Stellen und seichten Gestaden. Einladend und abweisend, verschlungen und geheimnisvoll, voller Bewegung. An die tiefsten Stellen werde ich mich diesmal begeben, voll Angst und Vertrauen.

Langsam steige ich nach unten. Niemals mit Hast, aufmerksam jeden Schritt im Hier und Jetzt empfindend. Musik hilft, manchmal laut und aggressiv, manchmal sanft und einschmeichelnd. Oben ist es hell, die Farben lichtdurchflutet und glitzernd. Beim Abstieg verändert sich das Licht. Die Farben werden dunkler, wärmer, bedrohlich und einladend. Die Gerüche werden intensiver, die Geräusche wohlklingender: Basstöne, der Geruch nach nasser, dunkler Erde, grün, braun, schwarz.

Ich lasse mich fallen, koste die Eindrücke mit meinem ganzen Körper, umfasse die Luft, die Bäume, wühle in der Erde und verändere mich, passe mich an. Die Hülle fällt. Muskeln breiten sich aus, verdrängen Äußerlichkeiten. Masse verwandelt sich in Knochensubstanz und fließt stärkend und aufrichtend in die Wirbelsäule. Brüste festigen sich und geben großzügig Überschüssiges an andere Organe ab. Die Lunge wird weiter und durchlässiger, das Becken schiebt sich nach vorne. Sinnlichkeit macht sich breit und mit ihr kommt Stärke und das Lachen. Ich bin wieder bei mir und begrüße mich mit glucksenden Tönen. Ein Schrei, laut und fordernd bannt sich seinen Weg durch die Räume meines Körpers: „Ayah! Ich bin das Leben und ich bin der Tod; Samen und Fäulnis. Ich bin Kind, Frau, Mutter und Greisin. Ich bin die Liebe und der Hass. Ich bin Eine und Alle und Nichts. Ich bin das Fehlende und ich bin das Ganze. Ich bin ich und doch nur das Du – und dieses biete ich zum Geschenk.“

Ein Hauch von Bewegung, rechts unter mir, kaum wahrnehmbar, sich entfernend, einladend. Ich folge. Der Fluss scheint hier dunkel und ruhig. Alte Weiden begrenzen den Lauf, Wassermücken und Libellen kreisen. Unzählige Pflanzen drängen sich enger zusammen, bilden eine Mauer und erzwingen unerbittlich die Überquerung des Wassers über einen morschen Baumstamm. Er trägt die ungewohnte Last leicht schwankend mit Geduld und Festigkeit. Gelbe Blüten begrüßen mich mit einem irritierenden Duft.

Meine Lider verengen sich, Anspannung breitet sich aus. Ich kenne diesen Geruch: Gitterstäbe, ein Kinderbett? Wieso ein Kinderbett? So früh? Zu früh! Die Kleine träumt. Sie berührt sich. Fühlt Stärke und Erregung. Die Berührungen ihrer Finger werden intensiver, schneller und die Bilder unschärfer. Feuerblumen in Körperöffnungen, verschwommene Nacktheit, Ausgeliefertsein, Dominanz. Heiße Wellen breiten sich in ihrem Körper aus: dies ist ihr Geheimnis, unteilbar und nicht entreißbar, nur ihr zugehörig. Sie entspannt sich, schläft ein, steht auf und geht zur Toilette. Lautes Geschrei: „Warum hast du schon wieder ins Bett gepisst?“ Schläge. Und der Geruch der gelben Blumen, Löwenzahn, Pissblume.

Sie steht vor dem geschlossenen dreiteiligen Spiegel der Kommode im Schlafzimmer der Eltern. In der Erwartung ihres sich unendlich wiederholenden Bildes, öffnet sie die Flügel und sieht: ein grausames, dreieckiges Gesicht, spitze Ohren und Zähne, hervorquellende Augen. Sünde und Aussatz pur und die absolute Gewissheit: Das bin ich. Der Schrecken wird tief vergraben, der Spiegel nie wieder geöffnet. Widder und Löwin verlassen die Bühne. Die Wölfin vergräbt sich tief in den Falten ihres Körpers. Einsamkeit. Die Ausbildung zur angepassten Frau beginnt.

Ich sinke in den Duft des gelben Blütenmeeres. Ertrinkend im Tränenstrom liegt die Kleine zärtlich umfasst auf meinen Schoß. Liebe webt ein zartes Netz und fügt den Splitter ein. So viele Teile verborgen, verloren. Nach einer Weile durchbricht ein Geruch den Schleier der Traurigkeit:  Er ist hier, wie immer. Wartend.

Mich aus der Vergangenheit lösend, erhebe ich mich und strecke die Arme in die Höhe. Die ankommende Nacht schickt lockende Rufe aus. Ein Feuer erfasst meinen Leib, ausgehend von den Fußspitzen überrollt es mich, breitet sich in den Lenden aus, dringt in jede Körperöffnung ein.  Weiße Flammen umspielen meine Brust, der Puls passt sich dem Rhythmus der Dunkelheit an. Schneller, heißer, schneller  ...  die Wölfin erwacht. Vierzig Jahre gefangen, gedemütigt, verleugnet, betrogen um ihre Kraft und Lust, gefangen in dem Moder von Konventionen und  uneingelösten männlichen Versprechungen streckt sie sich jetzt dem Wind entgegen. Sie spannt ihre Muskeln und schleudert  ihre Wut mit einem lauten Schrei den dunklen Bäumen entgegen.

Dann läuft sie. Rennt entlang der Bahnen ihrer Lust, spürt ihren Körper, ihre Schönheit, ihre Macht. Er folgt ihr. Läuft parallel mit ihr, schneidet ihr den Weg ab, springt sie an. Wütend setzt sie sich zur Wehr. Der Geruch von Blut tränkt die Luft. Sie hält inne. Schäumend steht er ihr gegenüber, seine Flanken zitternd: Warum wehrst du dich? Warum gibst du dich mir nicht hin? Ich fühle deine Sehnsucht und deine begehrende Liebe. Fordernd tritt er ihr entgegen.

Sie weicht nicht: Nein! Deine Gier ist eine Lüge. Du spielst, ohne Ziel, ohne Gefühl. Dein Feuer ist kalt und berührt nicht den Grund. Du bist gefangen in deinen Ängsten, deinen Vorurteilen und in deiner männlichen Vergangenheit. Du stülpst mir dein Bild von Weiblichkeit, Lust und Liebe über und die von dir hergestellte Nähe entfernt dich immer weiter von mir. Meine Liebe zu dir ist kein Spiel, meine Sehnsucht nicht für Minuten tauglich. Ich begehre dich, wider alle Regeln. Meine Hingabe ist von einer Ausschließlichkeit, die du bisher nicht ertragen konntest. Du sehnst dich nach ihr und doch verhinderst du sie mit all deiner Kraft, deiner verwirrten maskulinen Intelligenz und deinem Festhalten an einer von der Gesellschaft normierten Freiheit, die dich einsperrt in ihre Zwänge und Normen. Sieh mich endlich an!

Er senkt nachdenklich den Blick: Lehre mich diese Form der Liebe! Traurig schaut sie ihn an. Zärtlich schmiegt sie sich an seine Flanke, fährt ihm sachte über das Gesicht: Ich werde es dich lehren. Wenn dein Vertrauen zu mir größer ist als die Angst vor dem Verlust deiner sorgfältig gepflegten Schablonen über die gängigen Formen der Liebe. Ich werde da sein, durch die Nacht rennend und meine Lust mit dir teilend,  wenn du mich endlich erkennst über all die Zeiten und den Raum, als Teil von dir,  zugehörig, verbunden, untrennbar.

Sie stürmt den Hügel hinauf. Sie schaut sich nicht um, Tränen laufen über ihr Fell und erlöschen die weißen Flammen und ich finde mich oberhalb des Flusses wieder. Die Schwere meines Körpers umgibt mich. Langsam erhebe ich mich. Ich werde wieder kommen, jagend, bittend, wartend und hinabsteigend zu dem braunen Grund des Tales. Er wird da sein, und vielleicht eines Tages meine Art der Liebe annehmen können.

Bis dahin spiele ich das Spiel, unterbrochen von meiner regelmäßig wiederkehrenden grenzenlosen Wut und dem nur mühsam in kreative Bahnen zu lenkenden Zorn und ...mit diesem hellen, lauten und befreiendem Lachen in mir.


Elisa will nicht schlafen.


Elisa will nicht schlafen. Sie weigert sich. Sie wehrt sich mit aller Kraft. Keiner weiß, woher sie diese Kraft nimmt. Elisa hat Angst. Sie weiß doch, dass sie schon schläft. Sie träumt einen schrecklichen Traum. Wenn sie in diesem Traum einschläft, wird sie sterben. Davon ist sie überzeugt. Deshalb muss sie aufwachen. Die Menschen um sie herum, sie kennt sie nicht. Es sind Traumgeister, die in einer fremden Sprache zu ihr sprechen. Sie bedrängen sie. Sie versuchen ihr Wasser in den Mund zu gießen. Sie beißt ihre Lippen fester zusammen. Sie fühlt das Nass und sie hat so einen wahnsinnigen Durst. Sie darf nicht trinken. Nimmt sie etwas von den Traumgeistern an, so bleibt sie für ewig im Traumland gefangen. Immer wieder hat sie diese Geschichten von den Frauen im Dorf gehört. Wo ist ihr Dorf? Wo sind die Frauen? Es ist heiß, so heiß. Sie muss aufstehen, weiter laufen. Warum bewegen sich ihre Beine nicht. Sie haben sie festgebunden. Die Traumgeister schreien und ein großer Vogel senkt sich herab. Seine Flügel drehen sich wild und laut. Sie bewegt sich, sie schwebt auf den Vogel zu. Nein, Hilfe, nein – alles wird dunkel. 

Elisa schlägt die Augen auf. Die Sonne scheint durchs Fenster. Sie liegt in einem weichen Bett. Sie fühlt sich müde und zerschlagen. Wo ist sie? Eine Hand streichelt ihr Gesicht. Sie kennt den Duft, fühlt die bekannten Schwielen über ihre Wangen gleiten. „Hallo, Liebes, alles wird gut. Schlaf mein Kind, schlaf, es kann dir nichts Schlimmes mehr geschehen. Schlaf meine Tochter, schlaf.“ Der Singsang von Mutters Stimme hüllt sie ein. Elisa entspannt sich und schläft.

„Guten Morgen, mein Liebling!“ Die Stimme ihrer Mutter klingt weich und verführerisch. Elisa schlägt die Augen auf. Wer ist diese Frau neben ihrem Bett? Sie sieht so fremd aus. Ihre Mutter hatte volle, lange dunkle Haare, die ihr schwer über die wohlgeformten Schultern fielen. Ihre Augen blitzten vergnügt in dem rundlichen Gesicht. Ihre großen Brüste boten nicht nur dem kleinen Bruder Nahrung und Wärme, sondern auch Elisa Schutz und Geborgenheit. Die breiten Hüften bewegten sich rhythmisch zum Tanz und die Füße stampften den Takt. Vor ihr sitzt ein Gespenst. Eine alte Frau mit stumpfem Haar, schmalem Gesicht mit eingefallenen Wangen. Die Schultern knochig nach vorne gebeugt und die Hände zittrig im fleischlosen Schoß liegend. Wer ist das? Die Stimme gehört ihrer Mutter und in den Augen erkennt sie vage den erinnerten Schein. Was ist geschehen? Bilder in Rot und Schwarz formen sich vor Elisas Augen. Feuer, Soldaten, Gewehrschüsse – ihr Vater rennt zurück zur Hütte. Er will den Sohn vor den Flammen retten. Das brennende Dach stürzt über ihm zusammen. Elisa rennt mit den anderen davon. Nur weg vom Dorf. Immer weiter und weiter laufen sie. Kein Essen, kein Wasser. Tagelang, wochenlang. Wer hinfällt, bleibt liegen, die anderen steigen über ihn hinweg. Ein böser Traum, nein kein Traum. „Mama, hilf mir, hilf mir doch!“ Die Mutter schließt sie fest in die zittrigen Arme. Alles wird dunkel.

Elisa ist jetzt schon seit mehreren Wochen auf der Station. Langsam kommt sie wieder zu Kräften. Jeden Tag steht sie für eine kurze Zeit auf. An Krücken bewegt sie sich langsam durch den Flur. Ihre dünnen Beinchen können das Gewicht ihres Körpers noch nicht alleine tragen. Ihre Mutter ist die meiste Zeit bei ihr. Am Anfang konnte Elisa nichts essen. Über einen Schlauch wurde die Nährlösung direkt in ihren Magen geleitet. Auch jetzt fällt ihr das Schlucken schwer. Und noch viel schwerer fällt es ihrem Körper, die Nahrung bei sich zu behalten. Elisa hat einen richtigen Ekel vor dem Essen. Obwohl sie einen wahnsinnigen Hunger hat, verkrampft sich alles in ihr, wenn die Mutter den Teller zum Bett bringt. Der Arzt sagt, dass es nichts mit dem Körper zu tun hätte, sondern mit ihrem Kopf und ihrer Seele. Manchmal unterhält er sich mit ihr und versucht ihr etwas zu erklären. Elisa versteht ihn ein wenig. Die Schwestern in ihrer Schule im Dorf haben auch in dieser Sprache gesprochen. Und sie lernt schnell. 

Bald wird sie mit ihrer Mutter das Krankenhaus verlassen. Sie werden in einem Wohnheim für Flüchtlinge zwei Betten bekommen. Und, Elisa darf wieder in die Schule gehen. Die Mutter und die Ärzte haben es ihr fest versprochen. Sie freut sich so sehr darauf, es ist wie ein Licht am Ende eines dunklen Tunnels. Wenn sie die Angst überfällt, die Bilder sie überrollen und einzufangen drohen, dann, dann denkt sie an dieses Versprechen und hält es wie einen Talisman gegen böse Geister in sich fest.

Stau


Mit dem Taschenspiegel versuchte sie ganz ungeniert einen Blick auf das ABC-Pflaster an ihrer unteren Wirbelsäule zu erhaschen. Der Stau auf dem Bürgersteig war unvermeidlich. Höhere Gewalt halt.

Sünder


Im Kloster schiebt sich der Abt in Ermangelung einer deftigen Brotzeit den Daumen in den Mund, fegt die Krümmel vom Gelage der letzten Nacht unter die Teppichkante, schultert die Kreissäge und macht sich auf zum Beichtstuhl, die Sünden seiner Schäfchen, zum Wohle derer Seelen, in Sanftmut ein für alle Mal heraus zu schälen.

Held


Mit dem neuen Reservekanister, voll von frischem Apfelmost für die Liebste, durchschwamm er das Korallenriff, stürzte sich die Sprungschanze hinunter, bestellte brav die von ihm beim letzten Herrenabend zerbrochene neue Glasscheibe und vergaß doch die Tischdecke für das Picknick einzupacken. Sie war sauer. Auch ein Held schwächelt halt ab und an. 

Wirrungen


In einer lauen Sommernacht träumte der launische Efeu von der lieblich lesbischen Wintergerste und rankte sich, in Entzückung schwelgend, dabei besitzergreifend um den vom letzten Absturz noch auf dem Feld herum liegenden Pilotensitz.

Tanz, Lieschen


Tanz, Lieschen tanz!
In den Gassen von Venedig
weht ein kalter Wind.
Schnell, Lieschen, schnell!
Der Irrgärtner jagt dich,
auch für ein Butterbrot.
Lauf, Lieschen lauf!
Die Seilschaft der Drohnen
duldet kein wirres Kind.
Ach, Lieschen ach!
Dein Lachen und Wiegen
bringt dir den Tod.
Wein ich so leis,
wein ich vor Not.
Die Wasser der Stadt
färben sich rot.