Altern


„Jedes Alter hat seine eigene Schönheit!“

Herz umhastet mit stolperndem Schluckauf
die keuchend knarzenden Knochen.
Knie quietscht empört wackelnd die
krampfhaft bibbernden Muskeln an.
Blase verweigert jedwedes Gespräch
mit den eingeschnappten Nieren.
Füße schieben sich mit quellendem
Frohlocken in die aufgepumpten Waden.
Fußnägel krallen sich Halt suchend in
paarungswillig anbiederndes Fleisch.
Haare spielen verschämt grinsend
Haschmichdoch in Kämmen und Bürsten.
Brüste grüßen den kugeligen Bauch
im sanften Vorüberschaukeln.
Arschbacken flirten aufdringlich albern
mit den unwillig ziependen Kniekehlen.
Steife Hände tasten zitternd nach
den verschwommenen Augenblicken.
Haut faltet sich zielorientiert beharrlich
um innovativ braun gesprenkeltes Gelände.
Der Geist schlägt sich entsetzt
vor die gerunzelt weise Stirn.

Die Schönheit des Alterns
erschließt sich mir nur langsam.

Unerwartet


Du erschienst mir so hässlich
So garstig, so fremd
Dann sprach ich mit dir
Lauschte deinen Träumen
Teilte deinen Schmerz
Wischte unsere Tränen hinweg
Streichelte dein Lachen
Und deine Schönheit schäumte
Mir mitten ins Gemüt

Ach Weib, ach Mann


Ach Weib

Als die Brautwerber bei deinem Vater vorstellig wurden
Saß ich mit Freunden in der Kneipe
Verspielte die Zeit, anstatt sie dir zu schenken
Tat beiläufig was eines Mannes Pflicht in erster Nacht
Deine erfülltest du still in blutlakigem Rot.
Und du bliebst an meiner Seite

Ich wollte dich, so jung und lebensfroh
Ganz unten, Zierde meines Hauses
Wie eine Rose am Kragen meines Jacketts
Wollte dich zeigen und dann verschließen
Aus meinen Gedanken und meinen Plänen
Und du bliebst an meiner Seite

Dein Ausbildungsgeld steckte ich in ein Geschäft,
Viele folgten, kaum etwas blieb davon
Du wolltest lernen und ich machte dir Kinder
Euer Lachen gellte mir fordernd in den Ohren
Ich wurde ein ganzer Mann und ging den Dingen nach
Und du bliebst an meiner Seite

Ich habe gesoffen, gelogen, betrogen
Geschlagen, gehurt und mich
Mitten im Leben zum Affen gemacht
Dein stilles Lächeln begleitete mich
Die Kinder gingen frohgemut
Und du bliebst an meiner Seite

Du nanntest mich stark und roh und eisenhart
Nahmst doch meinen Kopf an deine Schulter
Dein Atem streichelte meinen Zorn hinweg
Du gewährtest mir Obhut und eine offene Tür
Den Tender stets gefüllt, die Taschen sorgfältig gepackt
Und du bliebst an meiner Seite

Jetzt bin ich müd und grau
Ein wenig lahm, doch Manns genug
Mir ins Gesicht zu lachen
Ich muss der Welt nichts mehr beweisen
Nicht mehr verstreuen Schein und Glut
Ach Weib, lass mich an deiner Seite bleiben

Deine Haut, gefaltet vom Leben und von mir
Will ich mit meinen Händen glätten
Jede Furche wie zum ersten Mal durchwandern
Möchte endlich satt mich essen an dir und mir
Ein Leben habe ich gebraucht zu verstehen:
An deiner Seite kann ich einfach sein und bleiben









Ach Mann

Als die Brautwerber bei meinem Vater vorstellig wurden
Saßt du mit Freunden in der Kneipe
Verspieltest die Zeit, anstatt sie mir zu schenken
Tatest beiläufig was eines Mannes Pflicht in erster Nacht
Meine erfüllte ich still in blutlakigem Rot.
Und ich blieb an deiner Seite

Ich wollte dich, so jung und lebensfroh
Grenzenlos nah, in Gemeinsamkeiten wirrend
Wie einem Freund im geheimen Garten
Mich dir zeigen und mit dir teilen
Gedanken, Zukünfte und Schelmereien
Und ich blieb an deiner Seite

Mein Ausbildungsgeld stecktest du in ein Geschäft,
Viele folgten, kaum etwas blieb uns davon
Ich wollte lernen und du machtest mir Kinder
Unser Lachen verstandest du nie als Einladung
Du schlichst dich heimlich fort so manche Nacht
Und ich blieb an deiner Seite

Du hast gesoffen, gelogen, betrogen
Geschlagen, gehurt und dich
Mitten im Leben zum Affen gemacht
Mein stilles Weinen erkanntest du nicht
Die Kinder gingen traurig fort
Und ich blieb an deiner Seite

Ich nannte dich stark und roh und eisenhart
Legte doch den Kopf an deine Schultern
Gewährte uns kurz Obhut in deinem Armen
Verschloss Worte und Traum tief in mir
Ließ dich versorgt gehen ein weiteres Mal
Und ich blieb an deiner Seite

Jetzt bin ich wach, auch grau dazu
Ein wenig lahm, doch Weib genug
Mir ins Gesicht zu lachen
Ich muss der Welt nichts mehr beweisen
Nicht mehr verstreuen Schein und Glut
Ach Mann, ich kann nicht mehr an deiner Seite schweigen

Meine Haut, gefaltet vom Leben und von dir
Will ich allein mit meinen Händen glätten
Jede Furche wie zum ersten Mal durchwandern
Möchte endlich satt mich essen am Leben und an mir
So viele Jahre habe ich gebraucht zu verstehen:
An deiner Seite, Mann, kann ich nicht sein und leise bleiben




Du wirst gehen


Du wirst gehen. Du willst nicht gehen. Willst deine Mutter und die kleinen Geschwister nicht verlassen. Du kannst sie doch in all dem Elend und in all den Gefahren nicht alleine lassen. Du wirst gehen.
Dein Vater und deine zwei Brüder wurden erschossen. Du bist jetzt der älteste Mann in deiner Familie. Du kannst jetzt nicht gehen. Doch du wirst gehen.
Du bist gerade sechzehn Jahre alt geworden. Ein Kind noch, doch alt genug, um von einer der Milizen an die Waffe gezwungen zu werden. Sie kreisen seit Tagen um euer Haus. Deine Mutter hat sie schon mehrmals von der Türschwelle weggejagt. Du darfst das Haus nicht mehr verlassen. Deine Mutter hat Angst. Seit Jahren hat sie Angst, um ihren Mann, die Kinder, um dich. Du willst nicht gehen. Du wirst gehen.
Sie weint, sie schreit, sie fleht, sie bittet. Deine Mutter lag vor dir auf den Knien und bettelte dich an, dich in Sicherheit zu bringen. Sie sagt, dass alles besser ist für sie, wenn sie nur keine Angst mehr haben müsse, dass du totgeschossen wirst oder andere Menschen totschießen musst. Du willst nicht gehen. Du wirst gehen.
Sie weint, sie fleht, sie bittet. Sie hat alles Entbehrliche auf dem Schwarzmarkt verkauft. So hast du vielleicht eine kleine Chance, bis über die Grenzen und auf ein Schiff zu kommen. Diese klitzekleine Chance, die doch so viel größer ist als jene des Hierbleibens. Du willst nicht gehen. Du wirst gehen.
Weil du den Schmerz deiner Mutter nicht mehr aushalten kannst. Weil dein Gehen ihre einzige Hoffnung in ihrem Leben sein wird. Ihre einzige Möglichkeit zum Überleben ist diese Hoffnung. Weil sie ihr Kraft gibt. Sagt sie. Weil das Wissen, dass du leben wirst, ihr Leben am Leben erhalten wird. Du willst nicht gehen. Du wirst gehen.
Es wird dir dein Herz brechen und deine Seele in tausend Stücke zerreißen. Aber ihr Herz wird dadurch noch eine Weile schlagen können. Du wirst gehen.

Nicht wahrgenommen


Er fragte sie, völlig überraschend und so gar nicht seiner Art entsprechend, was sie sich denn wünsche. Ob es irgendwas gäbe, womit er ihr eine Freude machen könne.
„Bitte“, sagte sie, „können wir diesmal meinen Geburtstag feiern! Ich habe ihn, seitdem ich ein Kind war, nicht mehr gefeiert, bitte.“
Er nickte, strahlte sie an und versprach es fest. Die nächsten Tage war sie so aufgeregt. Immer wieder rutschte ihr beim Essen mit der Familie ein „Wie sehr freue ich mich. Wen ladet ihr denn alles ein?“ raus und sie ganz hippelig auf dem Stuhl herum.
Sie kannte ja außer der Familie niemanden in dieser fremden Stadt. Er würde es aber schon organisieren. Sie war so voller Glück, Erwartung und Dankbarkeit erfüllt und zeigte es ihm, indem sie besonders zärtlich, weich und sanft zu ihm war.
Der Morgen ihres Geburtstages. Er war schon vor ihr in der Küche. Kein Wort. Nichts. Dann beim Frühstück: „Wir müssen nachher auf die Passstelle. Dein Pass muss heute beantragt werden.“
Auch von Seiten der Familie kam nichts. Kein Wort, keine Geste. „Oh, vielleicht bereiten sie eine Überraschung vor und wollen mich zappeln lassen bis zum Nachmittag. Bestimmt, so ist es!“, ging ihr durch den Kopf.
Auf der Passstelle eine ewige Warterei. Dann fragte der Beamte etwas und ihr Mann übersetzte: „Dein Geburtsdatum?“. Sie sagte es ihm und fügte leise ein „heute“ hinzu. Er hörte es nicht.
Es geschah nicht viel mehr an diesem Tag. Keine Worte, keine Aufmerksamkeiten, kein Nichts. In der Nacht, als alle schliefen, nahm sie ihr kleines Kind auf den Arm und ging hoch aufs Dach. Eine Kerze dabei. Im warmen Schein des Lichts schaute sie über die flachen Dächer dieser Stadt, die ihr so fremd und abweisend erschien.
Erst leise summend und dann lauter werdend sang sie die Lieder, die sie an zu Hause erinnerten. Nach einer Weile fiel, wie schon so oft in den Nächten vorher, zart eine Gitarre von einem der gegenüberliegenden Dächer ein, ummalte ihren Gesang, passte sich an. Sie wusste nicht, wer dort spielte, ob Mann oder Frau. Ihre Stimme erhob sich, wurde tragender und nach einer langen Weile ließ sie sie sachte ausklingen. Sie erlaubte sich leise zu weinen.

Zwiegespräch mit der Liebsten


Du machst mir manchmal Angst!
Warum das denn, Liebes?
Weil du stark bist, weil du nimmst und nicht nur gibst.
Weil du egoistisch bist, weil du für dich sorgst.
Weil du kämpfst, aus einen einzigen Grunde: Für dich und deine Brut.
Weil du spielst mit einem einzigen Ziel: Du willst gewinnen.
Weil du klug bist und immer alles durchdenkst.
Weil dein Mitleid sich in Grenzen hält, wenn es um dein Überleben geht.
Weil der Tod dich nicht schreckt.
Weil du liebst.
Weil deine Sinnlichkeit keine Scham und keine Grenzen kennt.
Weil du alles gibst und alles willst.
Weil du schön bist in einer Art, die mir den Atem nimmt.
Wow, Kleines! Noch einmal und dann nie wieder:

Ja, ich bin stark, weil ich weiß, dass alles im Leben seinen Preis hat und es immer einen Ausgleich geben wird. Für alles. Darum kann ich sowohl geben als auch, in passenden Momenten, nehmen. 
Ja, ich bin egoistisch. Und ich sorge für mich. Wer Liebes, sollte es denn sonst tun? Ich und nur ich bin für all mein Tun und Denken und all mein Nicht-Tun und Nicht-Denken verantwortlich. Immer und überall. Da sind kein Gott und keine anderen Wesen, die mir diese Freiheit abnehmen könnten. Diese Eigenverantwortlichkeit ist mir zugehörig, sie macht mich zu dem, was ich bin. Ich kann sie vergessen, beiseite schieben wollen – sie ist trotzdem da. 
Ja, ich kämpfe. Für mich, meine Brut, und für mein Rudel. Letzteres übersiehst du gerne, Liebes. Wer zu mir gehört, dessen Wohlbefinden ist mir wie mein eigenes. Genauer: Mein Wohlbefinden ist unauflöslich mit dem Wohlbefinden aller mit mir Verbundenen verknotet. Ich bin ein Harmoniejunkie. Wird dieses Wohlbefinden bedroht, dann, ja dann kann ich auch beißen. Nicht sofort, nicht als das Mittel der ersten Wahl. Aber, wenn es denn sein muss, wenn ein bestimmtes nicht mehr erträgliches Maß überschritten wird durch ein winziges kleines Tröpfchen, dann, ja, sicher. Keine Frage, dann kann es hart und heftig werden. 
Ja, natürlich spiel ich Spiele um zu gewinnen? Warum sollte ich sie denn sonst spielen? 
Ja, ich bin klug. Natürlich hege und pflege ich meine Klugheit und lasse sie beständig wachsen. Dies sichert zum einen mein Überleben und zum anderen ist es das einzige Gut, dass mir niemand nehmen kann. Und es würde meine Intelligenz beleidigen, wenn ich Dinge nicht durchdenken würde. Auch wenn mir die Abgründe und die sich daraus ergebenden Konsequenzen dann manchmal nicht gefallen. Aber, ich irre mich auch, verheddere mich, übersehe Dinge, widerspreche mir, … und, und, und ich bin klug genug mir das liebevoll zuzugestehen. 
Ja, manchmal bin ich ohne Mitleid. Aber, dies sagt nichts über meine Fähigkeit Mitgefühl zu haben aus. Ich fühle immer mit und trage den Schmerz des anderen in mir. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich Schmerz auch gebe und verteile, wenn es notwendig ist. Viel wichtiger jedoch erscheint mir, dass ich vergeben kann. Den anderen und mir. 
Ja, der Tod macht mir keine Angst. Er gehört für mich zum Leben. Das eine gibt es ohne den anderen nicht. Ich habe ihn in so vielen Variationen gesehen, gerochen und geschmeckt. Er ist mir ein Vertrauter und er ist nicht mein Feind. Er, und nur er, schenkt mir dieses Gefühl: Das Leben ist wunderschön! Hier und Jetzt. 
Ja, ich liebe. Auf meine Art. Und ich schere mich dabei nicht um Alter, Geschlecht, Herkunft, äußere Attribute und sonstigen Mist. Ich liebe. Sehe mich an und umfasse mich und kann mich aushalten und lieben, so wie ich gerade bin. Und aus dieser Liebe zu mir wächst und wächst und wächst die Liebe für andere. Eine Fass ohne Boden, ja. 
Ja, meine Sinnlichkeit ist ein unendliches Meer von Möglichkeiten. Da ist vieles schon gelebt und da liegt noch so vieles ungekostet brach. Scham? Für wen? Aus welchem Grunde? Ich schaue mich an und ich liebe mich. Solange dieses Wohlwollen mir gegenüber durch meine Sinnlichkeit nicht tangiert wird, gibt es keinen Grund für Scham. 
Ja, ich gebe mich hin. Bedingungslos. Und ja, ich nehme jemanden in mein Rudel und mich hinein. Bedingungslos. Dann, und nur dann, wenn jemand Teil meines Lebens ist, gebe und will ich alles. Alles andere wäre doch nur Makulatur, oder? Reine Energieverschwendung. 
Ja, ich bin schön. In den Momenten, in denen ich in Balance bin, bin ich schön. Ja, auch Schönheit kann beängstigend sein.
Aber, Kleines, viel wichtiger, wichtiger als alles andere, was du in deinem Kopf dir in den letzten Jahren zusammengebraut hast – und jetzt höre gut zu, denn ich sage es nur noch dieses eine Mal und dann kapiere es endlich oder gehe kaputt daran – ist Folgendes: 
Du bist du! Und du solltest dich endlich leben und zu dir stehen. Punkt.


Schneebälle


In der Straßenbahn unterwegs nach Irgendwohin. Die Gedanken schweifen, bleiben flüchtig berührend an den rotnäsigen Gesichtern mir gegenüber hängen. Die Luft ist mit warmer Feuchtigkeit gesättigt, die dicken Mäntel dampfen. Draußen ist alles weiß, zum ersten Mal in diesem Winter liegt eine dicke Schneeschicht über der Stadt.

Meine Aufmerksamkeit ist wattig. An der Haltestelle wuseln kleine Jungs aufgeregt mit den Händen in den Schneehügeln auf den Autos. Ranzen und Rucksäcke auf einem Haufen abseits gestapelt. Handschuhgeschützte Hände bilden kleine, dicke Bälle. Halten inne, die Jungs rennen nach vorne, den Fahrer der Bahn mit den Augen bindend:

„Herr Fahrer, lieber Herr Fahrer, dürfen wir bitte Ihre Bahn mit Schnee bewerfen? Ja? ja? ja?!!!!“

Rennen zurück und „Plopp, plopp, plopp!“ zerschellen die Bälle an den Fensterscheiben.

Die Bahn biegt um die Ecke, meine Gedanken zurück in das Lachen meiner Kindheit und ich schrecke auf. Was, um Gottes Willen, war denn das eben? Die haben nicht wirklich um Erlaubnis gefragt? Oder doch? Das glaub ich doch nicht?! Wo ist denn da der Spaß, die Freude des Überfalls? Das Kitzeln des Verbotenen und das herrliche Prickeln der schon vorausahnenden schnellen Flucht? Das Lachen, dieses tiefe aus dem Bauch kommende gemeinsame Lachen danach und das kichernde Zittern vor dem Ertapptwerden und den folgenden Konsequenzen?

Ähm, was soll das? Klopfen die nun vorher an und bitten um Erlaubnis, bevor die kleinen Hände von oben nach unten über die Türklingeln sausen? Schellenkloppen mit vorheriger konsensualer Absprache?

Wo sind sie geblieben, diese harmlosen, verbotenen Spiele der Kinder, in denen Grenzen ausgetestet und Konsequenzen für Regelbrüche geschmeckt und schluckend in Kauf genommen wurden, weil es einfach Spaß machte zusammen und es sich so wunderschön abenteuerig anfühlte?

Die Nase schnupfend hoch ziehend sickert leise Traurigkeit durch mein Gemüt.