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Frage


Sie war, nach gängiger Meinung,
nicht besonders schön in ihrer Kantigkeit.

Er war, glaubte man seinem sozialen Umfeld,
nicht auffallend schlau oder begabt.

Sie verliebten sich in jungen Jahren und lernten
sich zu lieben in den folgenden Jahrzehnten.

In seinen Augen war sie das schönste Wesen auf Erden.
Sie schätzte besonders seine unaufgeregte Intelligenz.

Auf die Frage, wie man es so lange miteinander aushalten könne,
schauten sie sich und den Fragesteller nur verwirrt verwundert an.

Sie verstanden die Frage nicht.

Unerwartet


Du erschienst mir so hässlich
So garstig, so fremd
Dann sprach ich mit dir
Lauschte deinen Träumen
Teilte deinen Schmerz
Wischte unsere Tränen hinweg
Streichelte dein Lachen
Und deine Schönheit schäumte
Mir mitten ins Gemüt

Ach Weib, ach Mann


Ach Weib

Als die Brautwerber bei deinem Vater vorstellig wurden
Saß ich mit Freunden in der Kneipe
Verspielte die Zeit, anstatt sie dir zu schenken
Tat beiläufig was eines Mannes Pflicht in erster Nacht
Deine erfülltest du still in blutlakigem Rot.
Und du bliebst an meiner Seite

Ich wollte dich, so jung und lebensfroh
Ganz unten, Zierde meines Hauses
Wie eine Rose am Kragen meines Jacketts
Wollte dich zeigen und dann verschließen
Aus meinen Gedanken und meinen Plänen
Und du bliebst an meiner Seite

Dein Ausbildungsgeld steckte ich in ein Geschäft,
Viele folgten, kaum etwas blieb davon
Du wolltest lernen und ich machte dir Kinder
Euer Lachen gellte mir fordernd in den Ohren
Ich wurde ein ganzer Mann und ging den Dingen nach
Und du bliebst an meiner Seite

Ich habe gesoffen, gelogen, betrogen
Geschlagen, gehurt und mich
Mitten im Leben zum Affen gemacht
Dein stilles Lächeln begleitete mich
Die Kinder gingen frohgemut
Und du bliebst an meiner Seite

Du nanntest mich stark und roh und eisenhart
Nahmst doch meinen Kopf an deine Schulter
Dein Atem streichelte meinen Zorn hinweg
Du gewährtest mir Obhut und eine offene Tür
Den Tender stets gefüllt, die Taschen sorgfältig gepackt
Und du bliebst an meiner Seite

Jetzt bin ich müd und grau
Ein wenig lahm, doch Manns genug
Mir ins Gesicht zu lachen
Ich muss der Welt nichts mehr beweisen
Nicht mehr verstreuen Schein und Glut
Ach Weib, lass mich an deiner Seite bleiben

Deine Haut, gefaltet vom Leben und von mir
Will ich mit meinen Händen glätten
Jede Furche wie zum ersten Mal durchwandern
Möchte endlich satt mich essen an dir und mir
Ein Leben habe ich gebraucht zu verstehen:
An deiner Seite kann ich einfach sein und bleiben









Ach Mann

Als die Brautwerber bei meinem Vater vorstellig wurden
Saßt du mit Freunden in der Kneipe
Verspieltest die Zeit, anstatt sie mir zu schenken
Tatest beiläufig was eines Mannes Pflicht in erster Nacht
Meine erfüllte ich still in blutlakigem Rot.
Und ich blieb an deiner Seite

Ich wollte dich, so jung und lebensfroh
Grenzenlos nah, in Gemeinsamkeiten wirrend
Wie einem Freund im geheimen Garten
Mich dir zeigen und mit dir teilen
Gedanken, Zukünfte und Schelmereien
Und ich blieb an deiner Seite

Mein Ausbildungsgeld stecktest du in ein Geschäft,
Viele folgten, kaum etwas blieb uns davon
Ich wollte lernen und du machtest mir Kinder
Unser Lachen verstandest du nie als Einladung
Du schlichst dich heimlich fort so manche Nacht
Und ich blieb an deiner Seite

Du hast gesoffen, gelogen, betrogen
Geschlagen, gehurt und dich
Mitten im Leben zum Affen gemacht
Mein stilles Weinen erkanntest du nicht
Die Kinder gingen traurig fort
Und ich blieb an deiner Seite

Ich nannte dich stark und roh und eisenhart
Legte doch den Kopf an deine Schultern
Gewährte uns kurz Obhut in deinem Armen
Verschloss Worte und Traum tief in mir
Ließ dich versorgt gehen ein weiteres Mal
Und ich blieb an deiner Seite

Jetzt bin ich wach, auch grau dazu
Ein wenig lahm, doch Weib genug
Mir ins Gesicht zu lachen
Ich muss der Welt nichts mehr beweisen
Nicht mehr verstreuen Schein und Glut
Ach Mann, ich kann nicht mehr an deiner Seite schweigen

Meine Haut, gefaltet vom Leben und von dir
Will ich allein mit meinen Händen glätten
Jede Furche wie zum ersten Mal durchwandern
Möchte endlich satt mich essen am Leben und an mir
So viele Jahre habe ich gebraucht zu verstehen:
An deiner Seite, Mann, kann ich nicht sein und leise bleiben




Nicht wahrgenommen


Er fragte sie, völlig überraschend und so gar nicht seiner Art entsprechend, was sie sich denn wünsche. Ob es irgendwas gäbe, womit er ihr eine Freude machen könne.
„Bitte“, sagte sie, „können wir diesmal meinen Geburtstag feiern! Ich habe ihn, seitdem ich ein Kind war, nicht mehr gefeiert, bitte.“
Er nickte, strahlte sie an und versprach es fest. Die nächsten Tage war sie so aufgeregt. Immer wieder rutschte ihr beim Essen mit der Familie ein „Wie sehr freue ich mich. Wen ladet ihr denn alles ein?“ raus und sie ganz hippelig auf dem Stuhl herum.
Sie kannte ja außer der Familie niemanden in dieser fremden Stadt. Er würde es aber schon organisieren. Sie war so voller Glück, Erwartung und Dankbarkeit erfüllt und zeigte es ihm, indem sie besonders zärtlich, weich und sanft zu ihm war.
Der Morgen ihres Geburtstages. Er war schon vor ihr in der Küche. Kein Wort. Nichts. Dann beim Frühstück: „Wir müssen nachher auf die Passstelle. Dein Pass muss heute beantragt werden.“
Auch von Seiten der Familie kam nichts. Kein Wort, keine Geste. „Oh, vielleicht bereiten sie eine Überraschung vor und wollen mich zappeln lassen bis zum Nachmittag. Bestimmt, so ist es!“, ging ihr durch den Kopf.
Auf der Passstelle eine ewige Warterei. Dann fragte der Beamte etwas und ihr Mann übersetzte: „Dein Geburtsdatum?“. Sie sagte es ihm und fügte leise ein „heute“ hinzu. Er hörte es nicht.
Es geschah nicht viel mehr an diesem Tag. Keine Worte, keine Aufmerksamkeiten, kein Nichts. In der Nacht, als alle schliefen, nahm sie ihr kleines Kind auf den Arm und ging hoch aufs Dach. Eine Kerze dabei. Im warmen Schein des Lichts schaute sie über die flachen Dächer dieser Stadt, die ihr so fremd und abweisend erschien.
Erst leise summend und dann lauter werdend sang sie die Lieder, die sie an zu Hause erinnerten. Nach einer Weile fiel, wie schon so oft in den Nächten vorher, zart eine Gitarre von einem der gegenüberliegenden Dächer ein, ummalte ihren Gesang, passte sich an. Sie wusste nicht, wer dort spielte, ob Mann oder Frau. Ihre Stimme erhob sich, wurde tragender und nach einer langen Weile ließ sie sie sachte ausklingen. Sie erlaubte sich leise zu weinen.

Held


Mit dem neuen Reservekanister, voll von frischem Apfelmost für die Liebste, durchschwamm er das Korallenriff, stürzte sich die Sprungschanze hinunter, bestellte brav die von ihm beim letzten Herrenabend zerbrochene neue Glasscheibe und vergaß doch die Tischdecke für das Picknick einzupacken. Sie war sauer. Auch ein Held schwächelt halt ab und an. 

Wirrungen


In einer lauen Sommernacht träumte der launische Efeu von der lieblich lesbischen Wintergerste und rankte sich, in Entzückung schwelgend, dabei besitzergreifend um den vom letzten Absturz noch auf dem Feld herum liegenden Pilotensitz.

Seidenschal


Unterm Zwetschgenbaum träumend,
Gehüllt in seines Duschgels Duft
Ergibt sie sich, vor Lust noch schäumend
Erneut dem Bilde sinnlich aufgeheizter Luft

Den Seidenschal ganz eng geschlungen
Um Hand und Bauzaun atemlos
Ein wenig nur mit Angst gerungen
Dann drang er ein in ihren Schoss

Dem Düsenjäger gleitend gleich
Flog sie auf Schwingen ihrer Lust
Ganz sanft in seinen Armen weich
Vergaß sie Schmerz und Leid und Frust

Tauschgeschäft


Madeleine, die schöne Witwe, feiert Hochzeit mit William Taylor aus Australien und denkt in der ersten gemeinsamen Nacht nur an Jonas, den verarmten Grafen, der sie nahm vor Jahren auf dem Schloss unten am See. Sie gab ihm willig ihre Jungfernschaft und er ihr, ein wenig zögerlich, zuerst sein Jawort, danach sein Leben. Ein fairer Tausch, so schien es ihr.

Kleinigkeit


Sie knallte den verfluchten Salzstreuer auf den Tisch, Zornesröte im Gesicht ob der verstopften Löcher desselben. Weder mit einem geopferten Fingernagel noch mit einem Zahnstocher hatte sie das Ding streufähig bekommen. Er jedoch hatte ihr dabei nur gelassen zugesehen.

„Warum schaffst du es nie dieses verfluchte Ding hier vernünftig zu reinigen? Das ist ein Affront gegen meine Person, das nehme ich persönlich und du bist damit raus aus dem Spiel!“

Sprach es mit überkippender Stimme, drehte sich um und verschwand auf Nimmerwiedersehen aus seinem Leben.

„Jesses, so einfach geht das?!“ Genüsslich schob er das von ihr unberührte Essen auf seinen Teller und griff wohlig knurrend zur Weinflasche.

Das erste Mal


Mit buntem Federkleid geschmückt, den Fächer galant vor das Gesicht haltend, trat der Sängerknabe nervös tänzelnd aus der Umkleidekabine und reichte der Ballerina verschämt den Slip, den sie, nach dem Eifer des ersten Gefechtes, letzte Nacht bei ihm vergessen hatte.

Vergiss mich


Ach, Liebster, komm und schenke mir
Ein Kleid aus weicher Seide
Geschickt bestickt mit Pfauenschweif
Und glitzernd gelber Weide

Das trag ich dann nur dir zur Ehr
Mit prächtigem Geschmeide
Am Morgen, wenn der Nebel fällt
Und abends unterm Sternenzelt

Ich trag es auch zur Hochzeit dann
Mit diesem andren Manne
Und denke bei dem Tausch des Rings
An deiner Hände Spanne

An all das Küssen und Geschmuse
An all die Gier in meiner Bluse
An alles das, was mir verboten
An all die Freud, die wir gewoben

Ach, Liebster, komm, ich schenke dir
Noch einmal einen Blick
Damit du mich vergessen kannst
Und findest neues Glück

Gleichklang und Disharmonien


Nun stand er hier, in der Schlange vor dem Postschalter. In der Hand hielt er die kleine, verpackte Spieldose, die er ihr heute schicken wollte. Die Lochkarte dafür hatte er selbst hergestellt. Mit ihrem gemeinsamen Lied drauf.

Diese Musik, die er damals in London zum ersten Mal gehört hatte. Beide waren sie sich zufällig im klassischen Doppeldeckerbus beim Sightseeing begegnet. Sie saßen sich gegenüber und sie trug einen Walkman. Sehr laut gestellt und er fragte sie nach der Musik, die ihm so seltsam unpassend für ihr Alter erschien. Bis zur Endstation teilten sie sich dann die Kopfhörer. Damit fing alles an. Sie trafen sich noch ein paar Mal in London und besuchten zusammen diese, ihm bisher unbekannten, Clubs.

Sie war ein quirliges, verrücktes, spontanes Wesen. Sie riss ihn mit durch ihre strudelige Lebendigkeit. Sie war so ganz anders als die beschaulichen, zuverlässigen Frauen in seinem bisherigen Leben. Alleine das bunte Gemisch ihrer Kleidung faszinierte ihn jeden Tag aufs Neue. Wie eine bunte, wahllos beklebte wandelnd strahlende Litfaßsäule erschien sie ihm. Sie war so ganz und gar anders als er und so gar nicht passend für sein wohlgeordnetes Leben als Instrumentenbauer.

Sein bisheriges Leben war bestimmt durch Familientradition, Gleichmaß und Vorhersehbarkeit. Beruflich setzte er den Familienbetrieb in der vierten Generation außerordentlich erfolgreich fort und gönnte sich nur ab und an eine dieser Städtereisen zur Erbauung. Durch dieses seltsam unbekannte Frauenwesen betrat er in den Londoner Tagen eine für ihn völlig neue Welt. Verliebtheit machte sich in ihm breit und zum ersten Mal in seinem Leben hatte er den Geschmack von Lust und Abenteuer auf der Zunge. Der Abschied von ihr fiel ihm nicht leicht.

So blieben sie auch in Deutschland in Kontakt und nach einem Jahr mit langen, durchtelefonierten Nächten und kurzen, stürmischen Wochenendbesuchen kamen sie überein, dass sie ihren Lebensmittelpunkt in seine Stadt verlegen sollte.

Verrückte Verliebtheit wandelte sich in den kommenden Monaten in den ruhigen Gang der Liebe und schließlich zogen sie zusammen in ein kleines Haus mit seiner Werkstatt im Erdgeschoss. Anders als in London übernahm er nun ihre Führung durch seine Welt. Er war glücklich.

Gleichklang, Routine, Stabilität, Sicherheit breitete er vor ihr aus. Sie begleitete ihn weit hinein in seine Art des Lebens. Aus der verrückt strahlenden Litfaßsäule wurde im Laufe der Jahre ein stilvoll still gerahmtes Bild in sanften Brauntönen, das ihm sehr gefiel. Alles erschien ihm so wunderbar. Bis zu jener Nacht vor einigen Monaten, als er sie nicht wie immer an ihrem Schreibtisch vorfand. Ihre Worte, in dem Brief auf dem kleinen Tischchen im Treppenhaus, trafen ihn wie ein kalter Regenguss:

„Ich werde dich heute verlassen, mon amour! Ich liebe dich, aber du nimmst mir die Luft zum Atmen. Alles ist so beschaulich, so geplant, so sicher. So geordnet, so verlässlich. Da ist kein Platz für Verrücktheiten, da ist kein Spontanes, kein Überraschendes mehr. Da ist nur gleichmäßiges Dahinplätschern. Ein mittelmäßiges Einerlei der Vorhersehbarkeiten. Aber Leben ist nicht so. Nicht in meiner Welt. Da war einmal so viel Kraft und Lust und Vermögen in mir. Dieses alles ist mir abhanden gekommen in den letzten Jahren. Ich will diese Form von Impotenz dem Leben gegenüber nicht mehr. Verzeih mir und habe Dank für alles!“

In den kommenden Monaten versuchte er zu begreifen und begriff doch nicht viel. Ihre Telefongespräche erschienen ihm eigenartig fremdsprachig unverständlich. Nun stand er hier, in der Schlange vor dem Postschalter. In der Hand hielt er die kleine, verpackte Spieldose, die er ihr heute schicken wollte. Zum Abschied. Als Dankeschön. Zur Erinnerung. Und als Pfand für ein mögliches Wiedersehen in den kommenden Jahren.